Lieber Postmann,
noch hat dich kein Regisseur entdeckt. Und die Chancen stehen nicht schlecht,
dass dich hier auch niemand findet. Du bist ein Held, der nicht erdichtet werden
kann. Dein Glamour liegt in dem, was du tust, ohne angesehen zu werden.
All dein Handeln, deine Mimik sind frei von dem Zwang etwas festhalten zu
wollen – und gerade dadurch erzählst du meisterhaft natürlich das Epos vom
Glühen und Verschwinden, nachdem das Auge der Kamera so gierig sucht.
Ich weiß nicht, ob die Leute dich hier mögen. Sie sehen deinen gelben Bus. Sie
sehen den Briefträger. Deinen Namen weiß ich nicht. Thomas passt zu dir,
auch Willy wäre möglich. Für mich sollst du der Postmann bleiben. Aber eins
muss ich dir einfach sagen: ich bin so dankbar, dass du ausgerechnet hier zum
Einsatz kommst. Dein schneller, geduckter Gang, deine Glatze. Bist du mal
Boxer gewesen? Wirkst klein und leicht, und trotzdem schlägst du dich durch
wie ein explosiver Geheimtipp. Ich bekomme Herzrasen, wenn ich dich auf
der anderen Straßenseite zur Tür rennen sehe, und mir vorstelle, wie es gleich
sein wird, wenn du mir gegenüberstehst. Deine Stirnfalten sind rätselhafte
Wellen, deine Nase ein echtes Organ, deine Augen zwei Fetzen wild bekritzelten
Papiers. Du bist spannend – und du bist verletzt. Dieser schwarze Handschuh
an deiner Hand. Deine Sehnen haben sich vom vielen Öffnen und Schlißen der
Autotür entzündet, nicht wahr? Denn dieser Job, so gut er dir auch steht, ist
zu klein für den Umfang deines Wesens. Es macht mir nichts aus, dass du mir
keine Antworten auslieferst. Hauptsache, du wirst nicht krank. Wie schlimm
sind die Tage, an denen du nicht hupend und viel zu schnell auf unseren Hof
gerast kommst, in dem Chaos im Fahrerhaus zwischen schräg liegenden
Paketen und unzähligen vom vielen Anfahren und Abbremsen verrutschten
Briefen nach einer Rechnung für uns kramst und ich diesen kurzen Moment,
in dem wir beide das Stück Papier festhalten und du mich anschaust, geschenkt
bekomme wie ein Lied. Die Tage, an denen deine wirklich patente Kollegin
mit dem braunen Pferdeschwanz dich vertreten hat, waren die schlimmsten
in dieser schlimmen Zeit. Ich habe mich um dich gesorgt, aber ich will ehrlich
sein, vor allem habe ich um meiner selbst willen gebangt. Was, wenn er nicht
wiederkommt? Was, wenn die Coen Brüder ihn jetzt doch gefunden haben?
Lieber Postmann, du hilfst mir, das alles hier zu ertragen. Du bist so schön.
Manchmal stelle ich mir vor, wo du hinfährst, wenn deine Arbeit beendet ist.
Und dann sehe ich dich auf einem Fahrrad durch die Felder fahren. Du fährst
ganz allein in die Dämmerung hinein und am Ende der Straße, auf der du dich
befindest, steht kein Haus, da ist keine Stimme. Du fährst mit deinem Fahrrad
einfach ins Blaue.