Was bedeutet es, jemanden einzuladen oder eingeladen zu werden? Welche sozialen Rollen, Erwartungen und Beziehungen gehen damit einher?
Für die Ausstellung im Bistro 21 hat /POKY eine ortsbezogene Rauminstallation geschaffen: Die Außenfassade der Hermann-Liebmann-Straße 88 findet sich als Druck auf einem Vorhang wieder, welcher sich durch die Räume des Bistro 21 zieht. Gleich einer Umarmung werden die Räume durch den Vorhang miteinander verbunden, gedanklich die Hausfassade weiter gedacht: Wie würde sich das Fehlen von Fenstern auf die Innenräume auswirken? Wie sich dadurch auch die Lichtverhältnisse und die Beziehung zwischen Innen und Außen, privat und öffentlich verändern?
Durch den Vorhang wird unser Blick auf die Eigenschaften des Raumes gelenkt – die große Fensterfront, an der Passant:innen vorbeigehen und nach innen schauen; vielleicht fällt uns durch den Saum des Vorhangs auch erstmals der Boden genauer auf.
As we unfold: der Titel scheint sowohl metaphorisch als auch im Wortsinn gemeint: der Stoff des Vorhangs entfaltet sich als Layer im Raum. Der – bis auf zwei blickdichte Abschnitte – leicht durchsichtige Stoff lässt den Ausstellungsraum behaglicher werden, zugleich wird der Blickwechsel von innen nach außen nicht vollends unterbunden; die Silhouetten der Menschen im Raum bleiben von außen erkennbar.
Mehrere Sätze sind auf den Vorhängen zu entziffern, a table around which one can begin to speak – lyrische Zeilen, die das Suchen und die Sehnsucht nach Gemeinschaft erkennen lassen. Fragen nach dem sozialen Aspekt von Räumen: Wie dünn muss der Stoff eines Vorhangs sein, um die Beziehung zwischen Innen und Außen nicht gänzlich zu kappen? Ab wann bietet die Grenze eines Vorhangs Schutz – und ab wann kapselt ein Vorhang ab, evoziert Rückzug?
Zu sehen sind außerdem vier Skulpturen aus Holz, die an Bistrotische erinnern und welche jeweils ein Viertel eines runden Tisches ergeben. Die einzelnen Teile funktionieren für sich – den runden Tisch, an dem man zusammenkommen kann, ergeben sie aber erst zu viert. Eine Metapher, ein Aufruf zum Zusammensein.
Auf der Oberfläche der Tischplatten sind eingeritzte Kritzeleien zu erkennen. Der Gedanke an Schultische kommt auf, auf denen man sich mittels Kugelschreiber oder Schlüssel gedankenverloren und einigermaßen punkig verewigt. Ab wann also wird ein Objekt interaktiv? Ab wann lädt ein Objekt ein: zum Berühren und zum Beschreiben?
Einzuladen bedeutet, Türen zu öffnen und Raum zu machen.
Es heißt, Begegnung zu ermöglichen, indem oder während zugleich Kontrolle abgegeben wird. Sich zu entfalten.
Als künstlerische Geste kann Einladen außerdem bedeuten, die erhaltenen Ressourcen zu teilen und Raum für andere Positionen zu schaffen: Für den 20. Juli eröffnet sich im Rahmen der neu entstehenden Veranstaltungsreihe Bistro im Bistro eine ganze Einladungskette. /POKY lädt das Ausstellungskollektiv Studio Croma aus Mexiko-Stadt ein, welches wiederum die Künstler:innen Aida Lizalde, Daniel Robles, Fernando Polidura und Aleph Escobedo für die Umsetzung eines skulpturalen Abendessens einlädt. Außerdem wird der HGB-Chor ein von /POKY und Studio Croma(Mariana Dussel, Santiago Gómez) erarbeitetes Skript performen. Gereicht werden Çiğ Köfte des Taksim Bäckerei (Nazlı & Aysegül), aus der Nachbarschaft des Bistro 21.
„Hospitality“, schreibt Marie José Mondzain[1], „is precisely situated where ethics and politics join, and in that sense, itmust be practiced like an art form.“
/POKY sagen über sich: Es ist das, was es gewesen sein wird.
Das Künstlerinnenduo /POKY (Julia Gerke und Alina Röbke) gründete sich 2019 an der Kunsthochschule Mainz aus Mangel an Ausstellungsmöglichkeiten den eigenständigen Kunstraum „POKY – Institute of Contemporary Art“. Der nur 9 Quadratmeter großer Kubus fungierte von 2019 bis 2021 als Hybrid von Ausstellungsraum, Skulptur, Objekt im öffentlichen Raum, kuratorisches Projekt, Dialog und kollektiver Aktion. Seit 2021 reflektiert /POKY „Hosting“ im künstlerischen Feld als freies Künstlerinnenduo.
Vom 20.–21-07. laden wir zur ersten Ausgabe unseres Formates Bistro im Bistro ein – gemeinsam mit /POKY, CROMA, dem HGB-Chor und der Taksim-Bäckerei.
[1] Sh. „Loneliness in the crowd. The loneliness of Exile and Welcoming“, S. 61, in: „The Architecture of Loneliness, Reflections on Displacement and Welcoming“, edited by Mieke Bal, Amsterdam 2024